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Was ist Percussion?
von Thomas Altmann, 2004
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Percussion ist in der Musik die lateinische Bezeichnung für Schlagzeug. Ein Orchesterschlagzeuger, der das gesamte Arsenal an Effekt- und Schlaginstrumenten von Glockenspiel über Kesselpauken bis zur Triangel zu spielen hat, ist ein Percussionist. Noch in den Anfangszeiten des Drumsets ("Schlagzeugs") in den USA war der Schlagzeuger ein solcher Percussionist, der im Orchester, in Tonstudios und Radiostationen zusätzlich zu Bass- und Snare-Drum, Becken und Tomtoms eine Vielzahl von Instrumenten wie Vibraphon, Pauken, Röhrenglocken, Templeblocks und Kuhglocken bedienen mußte, ebenso diverse Effektinstrumente zur Begleitung von Varieté- und Theaterstücken oder Stummfilmen.
Nachdem das Instrumentarium des Drumsets morphologisch definiert war und die Aufgabe des Drummers ihr Profil bekommen hatte, wurde bisweilen ein weiterer Percussionist beschäftigt, der all das bediente, was nicht zum Drumset oder Schlagzeug gehörte. Sein Instrumentarium bestimmt sich nach den Erfordernissen der jeweiligen Musik. Solch einen Posten bekleidet der Percussionist in einer Rock-, Funk-, Pop- oder Jazzformation; das heißt, wenn in diesem Kontext von Percussion oder einem Percussionisten die Rede ist, dann ist damit für gewöhnlich das Instrumentarium außerhalb des Drumsets gemeint.
Schlaginstrumente gehören zu den ältesten Instrumenten der Menschheit rund um den Erdball. Es ist einleuchtend, daß bei der unermeßlichen Zahl dieser Instrumente, welche teilweise eine hochspezialisierte Technik verlangen, es kaum je einem einzigen Percussionisten gelingen wird, alle von ihnen auch nur annähernd perfekt zu spielen. Er wird sich auf einige von ihnen beschränken müssen, andere am Rande erfassen und wieder andere vernachlässigen oder gar unbeachtet lassen. Möglicherweise wird er ein ihm fremdes Instrument gerade so weit spielen lernen, wie es ihm sein Part innerhalb eines Musikstückes vorschreibt. Niemand kann erwarten, daß ein Musiker die indische Tabla ebenso beherrscht wie die westafrikanische Djembe, die Kesselpauke oder die Marimba. Dann haben wir die orientalische Darabukka, die nordafrikanische Rahmentrommel, die Gongs und Metallophone der balinesischen Gamelan-Orchester, die spanischen Kastagnetten, Myriaden von Trommeln und Glocken aus jeder Ecke des afrikanischen Kontinents, deren Spieltechniken jeweils eng mit ihren traditionellen Rhythmen verbunden sind, gleichermaßen wie die karibischen und südamerikanischen Percussionsinstrumente afrikanischer oder indianischer Herkunft, deren Gebrauch oft an die betreffenden Musikstile oder gar eine rituelle Funktion geknüpft ist. Das gilt auch für das westafrikanische Balafon, ein pentatonisches Stabspiel mit Kalebassen als Resonanzkörper. Die Percussion ist eine Welt, die kein Schlagzeuger je vollkommen erforschen wird, ihm jedoch ständig neue Perspektiven eröffnet, die sich über musikalische Spieltechnik hinaus oft in ethnologischen Erwägungen fortsetzen.
Die Standardausrüstung eines modernen Percussionisten in einer Pop-, Funk- oder Fusion-Band besteht aus einem Set Congas (mindestens zwei), Bongos, Timbales, sog. Windchimes (an einem Beckenständer montiert), einem Splash- und/oder einem chinesischen Becken, einer Triangel, mindestens zwei Woodblocks, verschiedenen Cowbells, Guiro, Cabaza (Afuché), diversen Shakers und Tambourins mit und ohne Fell (Schellenkränze) und allerlei Klanginstrumenten, wie montierten Kugelschellen (Schlittenglocken), Tanzrasseln und Glöckchen, Gehängen von Fruchtschalenkörpern, einem paar Claves, einer Quijada (bzw. Vibraslap), sowie gegebenenfalls den dazugehörigen Anschlagmitteln (Schlegeln etc.). Der Percussionist spielt im Stehen, um den Wechsel zwischen den Instrumenten oder ihre Kombination zu ermöglichen. Er verfügt über einen gepolsterten Percussion-Tisch, auf welchem gut erreichbar all die Instrumente liegen, die nicht an teilweise ausgeklügelten Ständer-, Klemmen- und Haltersystemen befestigt werden können.
Über diese Grundausstattung hinaus wird der Percussionist je nach den stilistischen Erfordernissen der Musik noch andere Dinge hinzufügen, wie etwa brasilianische Instrumente, Vogelstimmenpfeifen, einen Gong, einen Satz Batá auf einem Ständer, oder aber neue und eigene Kreationen bis hin zu Alltagsgegenständen.
Betrachtet man diese "Grundausstattung", so wird ersichtlich, daß - wenigstens in obengenanntem Kontext - der lateinamerikanische Anteil, repräsentiert durch Congas, Bongos, Timbales, Cowbells, Guiro und brasilianische Percussionsinstrumente (Tamborim, Pandeiro, Ganza oder Shaker, Agogo-Bells, Cuica, Berimbau, Caxixi) besonders stark ist. Hinzu kommt, daß jedes einzelne der genannten lateinamerikanischen Instrumente ein umfangreiches Studium verlangt, da ihre technischen Anforderungen über das rechtzeitige sensible Anschlagen etwa einer Triangel hinausgehen. (Übrigens ist die Triangel im brasilianischen Baião auch ein wichtiges und charakteristisches Rhythmusinstrument!) Congas, Bongos und Timbales sind cubanischen Ursprungs, folglich müssen diese Instrumente anhand cubanischer Technik und der von ihnen gespielten Rhythmen studiert werden, ganz gleich, ob man später die erlernten Fertigkeiten vergißt, modifiziert oder ausbaut, oder aber das Originalmaterial verwendet. Da zudem die ursprünglichen Rhythmen und Techniken eine Inspiration für kreative Arbeit darstellen, und weil sich schließlich ein reizvolles Aufgabenfeld in der entsprechenden Folklore selber anbietet, wird der Percussionist einen großen Teil seiner Studien auf die lateinamerikanische Musik verwenden.
Die Aufgabe des Percussionisten hängt von der Besetzung oder Orchestrierung der Musik ab (z.B. ob es einen Schlagzeuger gibt, oder ob der Percussionist alleinige tragende Funktion hat oder aber mit anderen Percussionisten zusammenarbeitet), sowie vom Stil der Musik, allgemeinen musikalischen Erfordernissen, den Vorstellungen des jeweiligen musikalischen Leiters (Dirigent, Komponist, Bandleader, Produzent) oder schlichtweg den Vorlieben des Percussionisten selber. Er kann kolorieren, einen klanglichen Hintergrund oder Atmosphäre schaffen, Assoziationen wecken; er kann Effekte produzieren, Akzente setzen, "Pfeffer und Salz" hinzufügen; er kann rhythmisch unterstützend, verstärkend oder polyrhythmisch ergänzend arbeiten. Und viele andere, neue Ansätze sind bis heute unerforscht, viele Möglichkeiten der musikalischen Rolle des Percussionisten noch unausgeschöpft. Schließlich ist der Posten des Percussionisten relativ jung, was auch zur Folge hat, daß Komponisten oft nicht den rechten Überblick über die (ohnehin variablen) Möglichkeiten seines Parts haben, sodaß der Percussionist oft mehr als alle anderen Musiker, Set-Drummer eingeschlossen, Geschmack zur Improvisation und eigenen Gestaltung beweisen muß.
Im Verlauf der vergangenen 30 Jahre war zu verfolgen, wie die Position des Percussionisten in der Pop-Musik sich von einem personellen Zusatz (dem "fünften Rad am Wagen") zum hochspezialisierten und fest integrierten Bandmitglied mit einem wichtigen musikalischen Part entwickelt hat. War der Percussionist einst ein umgeschulter Schlagzeuger gewesen, der sein Tätigkeitsfeld einem veränderten Markt angepaßt hat, oder aber ein lateinamerikanischer Percussionist, der zusätzlich zu seinen cubanischen oder brasilianischen Instrumenten noch einen Schellenkranz und ein paar Sound-Effekte in die Hand gedrückt bekam, so werden heute spezielle Techniken und Modi der Begleitung mithilfe eines mehr oder weniger fest umrissenen Instrumentariums vorausgesetzt. Musikalische Kenntnisse in verschiedenen ethnischen Bereichen sind dabei ein wertvolles Kapital. Im Jazz finden sich sensible, spontane Percussionisten mit einer sehr individuellen "Stimme" und einem oftmals ausgefallenen Setup (Aufbau) ebenso ausgefallener Instrumente. Doch auch das Spiel einer einzelnen Trommel in einer Batucada (brasilianische Samba-Batterie) oder das Zusammenspiel in einer Salsa-Rhythm-Section ist nach wie vor ein attraktiver Job für manchen modernen Percussionisten.
Einige Musiker bevorzugen heute bei der Zusammenstellung ihrer Gruppe die Besetzung eines Percussionisten anstatt eines Schlagzeugers, um den Gesamtklang der Band abwechslungsreicher und leichter zu gestalten. Hier muß sich der Percussionist verschiedene tragfähige Begleitformen zurechtlegen. Nicht selten laufen die rhythmischen und klanglichen Vorstellungen der Solisten letztlich aber doch wieder auf die Eigenschaften eines klassischen Drumsets hinaus. Viele Percussionisten behelfen sich dann mit dem Cajón, einer hölzernen Klangkiste mit sowohl peruanischem als auch cubanischem Background, die später auch in der Flamenco-Musik Einzug gehalten hat. Auf ihm lassen sich die Sounds von Bass- und Snaredrum, sozusagen im "light"-Format, vortrefflich simulieren.
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